Wiener
Klassik begegnet der Gegenwart
„Eduard
Brunner gewidmet“ – Kammermusik mit Klarinette
Eduard Brunner hat als Spitzensolist seines Instrumentes über Jahrzehnte hinweg zahlreiche Klarinettenwerke angeregt, Auftragswerke erteilt und deren Uraufführung realisiert. Ihm sind die wichtigsten Kompositionen der zeitgenössischen Klarinettenliteratur gewidmet, darunter Klarinettenquintette von Jean Françaix und Toshio Hosokawa, die im Konzert am 14. Juli um 19.30 Uhr im Festsaal von Wildbad Kreuth im Rahmen des diesjährigen Oleg Kagan Musikfestes erklingen. Diese Musik der Gegenwart begegnet Werken der Wiener Klassik für Trio- und Quintettbesetzungen mit Klarinette, interpretiert von Eduard Brunner und dem Amati Quartett.
Höchst selten im Konzertsaal zu erleben sind drei Trios für Klarinette, Violine und Violoncello mit der Bezeichnung Hob. IV Es1, Es2 und B1. Sie wurden erst 1976 nach einer Kopistenabschrift aus der Exnerschen Sammlung aus Zittau von der Leipziger Edition Peters herausgegeben. Als „Trios del Signore Heydn“ sind sie bezeichnet, und da ein Autograph von Joseph Haydn fehlt, muss ihre Echtheit bis heute ungeklärt bleiben. Ihre musikalische Qualität schmälert dies keineswegs. Ihre heitere Lebendigkeit und ihre rührende Sangbarkeit stellen sie auf eine Ebene mit den über hundert Trios, die Haydn für den Fürsten Nikolaus Esterhazy schrieb. Die Anklänge der Trios an die Kammermusik Mozarts bringen sie in Zusammenhang mit dem Klarinettenquintettsatz Allegro KV 516c von W.A. Mozart – vermutlich das Fragment eines nicht mehr zu Ende geführten zweiten Klarinettenquintetts, dessen Schönheit allerdings für die fehlenden Sätze reichlich entschädigt.
Jean Françaix (1912-1997) gehört neben Francis Poulenc zu den Repräsentanten der französischen Musik des 20. Jahrhunderts, deren Kompositionen eine charmante Heiterkeit ausstrahlen und die auf Anhieb so verständlich wie anregend sind: „Ernste Musik ohne Schwere zu komponieren“, so beschrieb Françaix selbst sein Anliegen. 1977 entstand sein Klarinettenquintett für Eduard Brunner. Die Uraufführung 1978 stieß bei Publikum und Kritik auf ein lebhaftes Echo. Eine „virtuose Spielmusik“ mit „rhythmisch gepfeffertem musikalischem Witz“, urteilte die Süddeutsche Zeitung.
Der junge japanische Komponist Toshio Hosokawa (*1955) konnte in der Konzertwelt längst seinen hervorragenden Ruf festigen. Erst während des Studiums in Berlin begann er sich intensiv mit der Musik seiner japanischen Heimat zu beschäftigen, die ihn zu einer durch die „eigene Stimme“ geprägten Musik führte. Werkschauen des Komponisten sind heute weltweit in Konzertsälen und auf Festivals neuer Musik zu hören. Für Eduard Brunner schrieb Hosokawa 2001 im Auftrag des Saarländischen Rundfunks seine Komposition „Herbstlied“ für Klarinette und Streichquartett – eine „Kalligraphie mit Tönen, die aus dem Schweigen entstehen und ins Schweigen zurückkehren“, wie der Komponist sein Stück aus dem Geist der japanischen Ästhetik erklärt.
Den Kreis zu den Werken der Wiener Klassik beschließt das Klarinettenquintett op. 95 des mährischen Komponisten Franz Krommer, der zur Zeit seines Entstehens bereits in Wien lebte. Krommer, in den 80er Jahren wiederentdeckt, war zu Lebzeiten einer der renommiertesten Komponisten, der die Bläserliteratur entscheidend vorantrieb. Werke für Klarinette wie seine Quintettkompositionen entstanden für durchreisende Virtuosen, denen er für ihre Auftritte reichlich neues Material bot.
Krommer schrieb seine Klarinettenwerke für unbekannte Virtuosen, Mozart für Anton Stadler – Jean Françaix und Hosokawa für Eduard Brunner, dessen Neugier auf Unbekanntes in unserer Zeit zu so außerordentlichen Werken der neuen Musik führte. Gemeinsam mit Eduard Brunner musiziert das Amati Quartett, das schon bald nach seiner Gründung 1981 verschiedene Auszeichnungen entgegennehmen konnte, darunter 1982 den Premier Grand Prix du Concours International in Evian und den Preis des Karl-Klingler-Wettbewerbs in München. Wie Eduard Brunner beherrschen die Musiker des Amati Quartetts das klassische und romantische Repertoire ebenso stilsicher wie die Musik des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam ist allen fünf Musikern die Leidenschaft zu Programmen, die Kompositionen der Gegenwart bekannten Werken vergangener Epochen gegenüberstellt.
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